„Wasch mich, aber mach mich nicht nass“ Laudes in der Fastenzeit (Jes 1,16-18)

Wascht euch, reinigt euch! – Waschen… Immer wenn ich über ein Thema oder über einen bestimmten Begriff spreche, suche ich zunächst nach den Ursprüngen und Grundlagen des jeweiligen Wortes, in diesem Fall das Wort „Waschen“. Das Herkunftswörterbuch sagt: Aus dem althochdeutschen wascan oder wescen, dem niederländischen wassen und dem schwedischen vaska.

Da hören wir schon heraus, dass das „Waschen“ und das „Wasser“ ganz dicht beieinander liegen. Das eine geht nicht ohne das andere. Waschen, ohne nass zu werden – nach dem Motto „Wasch mich, aber mach mich nicht nass“ – das geht allenfalls in der chemischen Reinigung. Unwahrscheinlich, dass Jesaja die meinte.

Und dann noch diese Doppelung: Wascht Euch. Reinigt Euch! Das ist doch dasselbe, möchte man meinen. Ist es aber nicht. Nicht im Deutschen, nicht im Englischen, nicht im hebräischen Original.

Waschen (engl. to wash) hat ein Ziel: Schmutz loszuwerden. In diesem Fall bei Jesaja den Schmutz der Vergangenheit. Den Schmutz aus der Zeit von Sodom und Gomorra.

Reinigung (engl. to clean) hat auch ein Ziel: nämlich rein zu werden („wieder clean werden“), auf die Zukunft ausgerichtet. So wie eine rituelle Reinigung vor dem Essen, wie wir sie aus der jüdischen Religion oder aus dem Islam kennen. Oder in der kath. Messe, wenn der Priester sich zu Beginn der Gabenbereitung am Altar die Hände mit Wasser übergießen lässt. Und dazu sagt „Herr wasche ab meine Schuld, von meinen Sünden mache mich rein.“ Da geht es auch um eine symbolische innere Reinigung. Waschen und reinigen. Außen und innen!

Wirkung geht nicht ohne Nebenwirkung

Das Ziel ist also nicht nass zu werden. Das Ziel ist es sauber, rein zu werden. Aber Wirkung und Nebenwirkung gehen immer einher. Es ist wie beim Tür aufmachen. „Wenn ich meine Türe öffne…“ – so das Motto des diesjährigen Fasten-Pfarrbriefs – wenn ich meine Türe öffne, dann geht das nicht ohne Veränderung ab.

Anfang der Woche bekam unser Sohn spätabends noch Besuch von einigen Freunden. Da stand dann dieser Pulk von Jugendlichen in unserer Diele, und ich meinte scherzhaft: „Was bringt Ihr denn für eine Kälte hier rein.“ Eine seiner Freundinnen sagte: „Das passiert, wenn man die Tür aufmacht.“ Sie hatte völlig Recht. Das eine geht nicht ohne das andere.

Egal, ob es draußen warm oder kalt ist: Öffne ich die Türe, findet ein Wechsel statt. Ein Luftaustausch. Auch ein Austausch von Menschen. Die einen kommen rein, oder andere gehen raus. Ein Austausch von Stimmungen: Drinnen hell, draußen dunkel. Wenn ich die Türe öffne, fällt das Licht aus dem Innern hinaus auf die Straße. Wenn ich die Türe öffne, weil es im Haus stickig ist, dann mache ich das, damit die frische Luft von draußen hereinkommt.

Und vielleicht denken Sie an diesem Punkt wie ich an Johannes XXIII. – den Papst, der vor über 60 Jahren das II. Vatikanische Konzil anberaumt hat. Zur Begründung soll er vor der versammelten Kurie die Fenster geöffnet und gerufen haben: Frischer Wind meine Herren. Frische hineinlassen in den Muff der damaligen Kirche.

Einer seiner Nachfolger, Papst Franziskus, hat auch Türen und Fenster geöffnet. Damals noch als Kardinal Bergoglio am Vorabend des Konklave. Auch da hat er dafür plädiert, die Kirche müsse sich öffnen – nicht nur um frischen Wind reinzulassen, sondern auch um die christliche Botschaft, das Leben, das Vertrauen auf Gott nach draußen zu lassen, um wahrgenommen zu werden, um Menschen einzuladen.

Türen öffnen kann belebend wirken

Ein Punkt, bei dem wir gerade hier im Rechtsrheinischen noch einiges vor uns haben. Der Austausch von Menschen aus den bisherigen Seelsorgebereichen im neuen Pastoralen Raum steht noch am Anfang. Die Türen zu öffnen wie heute Morgen hier in Hl. Kreuz, kann richtig guttun. Weil frischer Wind reinkommt, weil ich neue Sichtweisen und neue Menschen kennenlerne, weil Gemeinschaft entsteht.

Die eigene Türe hingegen zuzuhalten und sich wie in einer Thermosflasche gegenseitig warm zu halten, scheint für den Moment gut, ist aber auf Dauer nichts. Denn was wir ewig in einer Thermosflasche geschlossen halten, bleibt langfristig weder warm noch frisch. Es wird einfach nur abgestanden.

Auch darum ist es gut, die Türen zu öffnen, meinen Anteil, mein Leben, meine Erfahrung, meine Sicht mit anderen zu teilen – und umgekehrt die anderen einzulassen in mein Leben, weil eben auch das be-lebend wirken kann. Es ist wie beim Waschen. Nass werden, kaltes Wasser am frühen Morgen – das mag erst einmal eine Hürde sein. Aber das, was danach kommt, wirkt oft wie ein Neustart: erfrischend, befreiend, belebend.

So wie wir es eben im Canticum aus dem Buch Ezechiel gehört haben: „Ich gieße reines Wasser über euch aus, dann werdet ihr rein.“ UND: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“

Das passiert, wenn ich mich wasche. Das passiert, wenn ich die Tür aufmache: Ich öffne mich für das Neue, für diesen neuen Geist! Dass er in mir wirkt und Freude gibt. Dass er mich erfrischt und belebt. Dass er mir neuen Antrieb gibt für diesen Tag, für diese 40 Tage der Fastenzeit und für mein ganzes weiteres Leben.

Wenn ich die Türe öffne, denn lebe ich.

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