Kirche am Nullpunkt – Predigt zur Laudes am 18. März 2023 (Jes 1,14-18)

Hymnus
Psalm 119 – GL 616, 1 + 2
Canticum Jer 14 (Prophetenklage über Jerusalem) – GL 623, 2 + 3
Psalm 117 – Gl 65, 1 + 2


Lesung aus dem Buch Jesaja (Jes 1,14-18):

Eure Feste sind mir in der Seele verhasst,
sie sind mir zur Last geworden,
ich bin es müde, sie zu ertragen.
Wenn ihr eure Hände ausbreitet, verhülle ich meine Augen vor euch.
Wenn ihr auch noch so viel betet, ich höre es nicht.

Eure Hände sind voll Blut.
Wascht euch, reinigt euch! Lasst ab von eurem Treiben!
Hört auf, vor meinen Augen Böses zu tun!
Sorgt für das Recht und helft den Unterdrückten!

Wir wollen sehen, wer von uns Recht hat, spricht der Herr.
Wären eure Sünden auch rot wie Scharlach,
sie sollen weiß werden wie Schnee.
Wären sie rot wie Purpur,
sie sollen werden wie Wolle.


Predigt:

„Eure Feste sind mir in der Seele verhasst, ich bin es müde, sie zu ertragen.“

Und auf der anderen Seite: „Warum hast Du uns so geschlagen? Wie hofften auf Heil, doch es kommt nichts Gutes.“

Das eine die Worte, die der Prophet Jesaja als Gottes Botschaft an die Menschen weiterträgt.
Das andere die Klage des Propheten Jeremia aus Sicht der Menschen über die Zerstörung von Jerusalem.
Warum hast Du uns so geschlagen? Sagen die einen. Ich ertrage Euch nicht mehr, sagt der andere.

Wenn zwei Parteien so miteinander im Dialog sind, dann ahnen wir schon: die Sache ist festgefahren. Der Karren tief im Dreck, das gegenseitige Misstrauen kaum noch zu toppen.
Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt.

Man könnte meinen, das Szenario beschreibt die Tarifverhandlungen im Öffentlichen Dienst, wo uns Gewerkschaften seit Wochen mit Streiks nerven und wo offenbar schon lange niemand mehr mit irgendwem redet.
Oder die Diskussionen rund um den Synodalen Weg: Wer die Beschlüsse jetzt gut findet, und wer sich enttäuscht sieht.
Oder der Disput innerhalb der Katholischen Kirche, zwischen den Bischöfen, den scheinbar progressiven und den angeblich konservativen.
Oder – ganz unmittelbar – das offenbar völlig aus dem Ruder gelaufene Miteinander im Bistum Köln und ganz speziell die Kommunikation, wie wir sie hier erleben. Wenn das nicht der Nullpunkt ist, was dann?

Gott wird sich die Augen zuhalten und sagen: Ich kann es nicht mit ansehen, ich kann es nicht mehr ertragen.

Im 7./8. Jahrhundert vor Christus – da wo Jesaja aus heutiger Sicht verortet wird und lange bevor Jesus in der Bergpredigt Ungerechtigkeit und Hass anprangert – in dieser Zeit war zwischen den Menschen, soweit wir es heute wissen, wohl auch nicht eitel Sonnenschein. Da gab es extreme Ungerechtigkeit und Unrecht, da gab es die ganz oben und die ganz unten. Da gab es eine Kluft innerhalb der Gesellschaft. Da gab es Kriege und Eroberungen, Mord und Verbrechen. „Sex and Crime“ nannte das neulich ein Theologe.

Und damit der eine Gott bei all dem dennoch voll Güte auf die Menschen schaut, brachten sie ihm Opfer dar. Als Ausgleich sozusagen. Am damaligen Tempel in Jerusalem haben immerzu Menschen ihre Schlachtopfer dargebracht. Sie haben Tiere verbrannt, um Gott zu besänftigen. In großem Maße. Es muss ein ungeheurer Gestank geherrscht haben. Die Sache stinkt buchstäblich zum Himmel, könnte man sagen.

Doch auch der größte Opfer-Rauch kann nicht über Unrecht und Ungerechtigkeit hinwegtäuschen. Gott hat sich vielleicht die Nase zugehalten, aber blind war er nicht. Er konnte wohl unterscheiden zwischen den Huldigungen und Ritualen einerseits und dem Handeln im Alltag andererseits.

Darum diese mahnenden Worte des Propheten Jesaja. Denn damals wie heute geht es nicht darum, wie fromm wir uns geben oder wie festlich wir Gottesdienst feiern, ob wir das Stundengebet einhalten, die Psalmen richtig singen – oder wer denn nun wann predigen darf.
Es geht – um beim Beispiel Gottesdienst zu bleiben – um Gottes-Dienst in seiner ureigenen Form: Um Dienst Gottes am Menschen und Dienst der Menschen vor Gott.

Und dieser Dienst vor Gott erschöpft sich nicht in dem, was wir sonntags zwischen 10 und 12 Uhr machen. Er reicht weit in unseren Alltag hinein, in unser Denken und Handeln.

„Sorgt für das Recht und helft den Unterdrückten“ heißt es bei Jesaja.
Das ist Gottesdienst.

Oder wie es Dietrich Bonhoeffer einmal gesagt hat:
„Das Beten und das Tun [des Gerechten] gehören zusammen“

Und das meint nicht nur die Spende für den Obdachlosen, sondern unser gesamtes Miteinander.
Es geht darum, wie wir unserem Glauben
in unserem Leben und Handeln eine Form geben.

Es geht ganz grundsätzlich um unser Verhältnis zueinander und zu Gott,
um das Verhältnis HEUTE von Gott und Mensch.

Beide Propheten –
Jesaja, von dem wir in der Lesung gehört haben,
und Jeremia, aus dessen Klagen wir im Canticum gesungen haben –
beide nehmen dieses Verhältnis in den Blick. Der eine mahnend aus der Zeit vor der großen Zerstörung und Vertreibung ins babylonische Exil, der andere danach.

Gerade von diesen Jeremia-Klagen gibt es beeindruckende Vertonungen, von denen einige an den nächsten beiden Wochenenden in Bonn zu hören sind. [Hinweis Konzertankündigungen]

Der Titel der Konzerte „Friede am Ende“ greift unsere aktuelle Welt-Situation auf, aber auch die, wie die Propheten sie schildern. Kann es am Ende Frieden geben zwischen Gott und den Menschen? Zwischen den Völkern? Frieden in der Kirche und in den Gemeinden? Im Großen und im Kleinen?

Oder geht am Nullpunkt nichts mehr?

Betrachten wir dazu doch einmal diesen Begriff „Nullpunkt“ genauer.

Der Nullpunkt ist einerseits – physikalisch – das untere Ende einer Skala. Null Kelvin, das sind minus 273 Grad Celsius. Das ist der absolute Nullpunkt, kälter kann es nicht werden, frostiger kann eine Gesprächs-Atmosphäre nicht sein. – Ob das eigene egoistische Handeln – in der Kirche oder in der Wirtschaft, in der Weltpolitik oder in der Gesellschaft – kälter geht es nicht. Das ist ein Nullpunkt.

Ein Nullpunkt ist aber zweitens auch der Anfang einer Skala, der Ausgangspunkt für alle gemessenen Werte. Der so genannte natürliche Nullpunkt, von dem aus es nur bergauf gehen kann.

Und im geometrischen oder geographischen Sinne schließlich – drittens – ist der Nullpunkt ein Schnittpunkt. Beispielsweise zwischen dem Null Längengrad und dem Null Breitengrad. Dort, wo der Äquator und der Null-Meridian sich schneiden.

Dieser Ursprungspunkt, wie er auch genannt wird, das ist dort, wo zwei Maße, zwei Achsen, zwei Perspektiven zusammentreffen und von wo aus sich ein neues – wenn wir uns den Globus ansehen – weltweites Netz ausspannt. Von dieser Art Nullpunkt, von diesem Schnittpunkt aus kann es in alle Richtungen weitergehen. Alles ist offen, alles ist möglich.

Hier ist der Nullpunkt nicht das Ende. Er ist der Anfang.

Wenn wir das so verstehen, dürfen wir zuversichtlich sein, dass sich aus all dem Chaos, wie wir es in der Welt, auch in der Kirche erleben – dass sich aus dem Chaos, so wie wir es aus der Schöpfungsgeschichte kennen, eine Ordnung ergibt.

Voraussetzung: Aus jedem Chaos kann nur dann eine Ordnung hervorgehen, wenn ich bereit bin sie mitzugestalten – wenn ich bereit bin mitzumachen, wenn ich nicht auf alten Machtansprüchen und Besitztümern beharre. Wenn ich in alle Richtungen offen bin. Dann bin ich wandelbar oder wandlungsfähig.

Und dann passt auch wieder diese eigenartige Wendung, die Jesaja in sein erstes Kapitel einbaut:
Erst lässt er da Gott klagen über die Gottlosigkeit, die Heuchelei und das Unrecht.
Und dann heißt es plötzlich:
„Wären eure Sünden auch rot wie Scharlach,
sie sollen weiß werden wie Schnee.
Wären sie rot wie Purpur,
sie sollen werden wie Wolle.“

Alles wird anders: Da ist sie wieder die Bereitschaft Gottes, sich immer wieder neu mit uns Menschen und auf uns Menschen einzulassen.

Sich einlassen heißt: Neue Wege einschlagen, sich bewegen.

So wie der heilige Josef, dessen Gedenktag wir morgen feiern. Zu wissen: die Frau, mit der ich verlobt bin, ist schwanger, aber nicht von mir – Das wird auch für ihn ein Nullpunkt gewesen sein.
War es auch: Ein Nullpunkt, ein Neustart, ein Reset, den Gott der Menschheit auferlegt hat. Und Josef hat sich darauf eingelassen.

In einem Gebet heißt es:
Danke Gott, dass Du in Deinem heiligen Wort gegenwärtig bist.
Gib mir Fantasie und Kraft,
Dein Wort durch mein Leben weiterzuerzählen.


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