Impuls zum 3. Advent „Gaudete“ (2022)

An der Konzertorgel im Leipziger Gewandhaus steht in Großbuchstaben der lateinische Satz „Res severa verum gaudium“ – ein Zitat des römischen Philosophen Seneca. „Die ernste Sache ist eine wahre Freude“ oder auch „Wahre Freude ist eine ernste Sache.“ – Man kann es so und so verstehen. Jeder Kabarettist, jeder Entertainer lehrt uns: Menschen zu unterhalten, ihnen Freude zu machen, bedarf einiger Anstrengungen. Nur wer sich richtig reinkniet, sich müht und die Aufgabe ernst (!) nimmt, kann am Ende wirklich überzeugend unterhalten.

Im Advent ist das ganz ähnlich: wer sich auf vier Wochen Wartezeit einlässt, kann sich umso mehr darauf freuen, am Ende Weihnachten zu feiern. Wer den Advent schon vom ersten Tag an mit Tschingderassabum feiert, dem wird Weihnachten möglicherweise öde und leer vorkommen. Also besser abwarten?

Aber warten ist schwer. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer hat schon vor 80 Jahren geschrieben: „Advent feiern heißt warten können. Warten ist eine Kunst, die unsere ungeduldige Zeit vergessen hat. Sie will die reife Frucht brechen, wenn sie kaum den Sprössling gesetzt hat.“ Damit die Zeit des Wartens nicht zu lang wird, gibt es Etappenziele, die uns sagen: So viel haben wir schon erreicht, bis zum großartigen Finale ist es nicht mehr weit. Eines dieser Etappenziele ist der Sonntag „Gaudete“ (lat. „Freut euch“), der immer am 3. Advent gefeiert wird. Freut Euch, der Herr ist nahe. Freut Euch, das Warten hat bald ein Ende. Freut Euch, die Mühe und Anstrengungen wenden sich bald in Freude, ins Feierliche und Festliche.

Dietrich Bonhoeffer: Advent ist Wartezeit

Dieses kleine Zwischenhoch kann uns daran erinnern, dass wir noch im Wartemodus sind, aber das Gesäte bereits die ersten Triebe zeigt. Die Farbe verändert sich – ganz deutlich daran zu sehen, dass wir den 3. Advent mit einer anderen, helleren liturgischen Farbe begehen.

Dietrich Bonhoeffer schreibt weiter: „Auf die größten, tiefsten, zartesten Dinge in der Welt müssen wir warten. Das geht nicht im Sturm, sondern nach den göttlichen Gesetzen von Keimen, Wachsen und Werden.“ So wie es im Jakobusbrief an diesem Sonntag heißt: „Auch der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde, er wartet geduldig. Ebenso geduldig sollt auch ihr sein.“ (Jak 5,7) Wer das durchhält, kann sich am Ende wirklich freuen: über die Ernte ebenso wie über die erbrachte Geduld.

Die Freude über die Ernte hängt zusammen mit dem ernsthaften Bestellen der Felder. „Res severa“ mit „verum gaudium“. Das Warten mit dem Fest, die Ungewissheit mit der Erlösung, das Leben mit dem ewigen Leben. Oder wie Bonhoeffer es formuliert hat: „Unser ganzes Leben ist Advents-, das heißt Wartezeit – auf die Zeit, da ein neuer Himmel und eine neue Erde sein wird.“

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